Drogenpolitik

„Krieg der Süchte oder die unbemerkt Diskriminierten“ – ein Betroffenenbericht

Quelle: aboutpixel.de / daylight

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Krieg der Süchte oder die unbemerkt Diskriminierten“ (ein Betroffenenbericht – erschienen in der VIVA4U)

Mitten unter uns, in einer Demokratie die sich den Menschenrechten verpflichtet gibt, werden wieder einzelnen Gruppen diese Rechte vorenthalten.

Kinderrechte werden endlich in Verfassungsrang erhoben, aber Flüchtlingskinder werden ausdrücklich ausgenommen. Kein Scherz! Das ist geltendes Recht. Viele schreien voller Abscheu auf und das ist gut so!

Leider haben wir offensichtlich wieder mal nichts aus der Geschichte gelernt.

Es gibt so viele Beispiele dafür, dass wieder begonnen wird Sündenböcke, möglichst ohne Lobby, für so vieles das schief läuft, verantwortlich zu machen. Und viele schreien voller Abscheu auf und das ist gut so!

Und weil es wieder so leicht geworden ist, Einzelne, Schwache und Minderheiten gegeneinander auszuspielen, will ich in keiner Weise Ungerechtigkeit gegen Ungerechtigkeit aufwiegen und dessen Schwere im Einzelfall bewerten.

Aber ich möchte von einer Gruppe sprechen, einer Untergruppe die an einer von der WHO anerkannten chron. Erkrankung leiden und von zahlreichen, für die Allgemeinheit so selbstverständlichen Rechten. einfach pauschal ausgenommen wird.

Für sie gilt keine freie Arztwahl, keine Mitbestimmung bei ihrer Behandlung, kein Datenschutz, kein Recht auf selbstgewählten Aufenthalt, und, und, und.

Fast jährlich kann sich die Art ihrer Behandlung und Medikation ändern, je nach dem welche parlamentarische Mehrheit, gerade welches Konzept für stimmentauglich hält. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden ignoriert und manche jahrelange Medikation, auch für Zusatzerkrankungen, werden plötzlich verweigert, weil sich die Politik wieder mal ändert. Selbst die Patientenanwaltschaft erklärt sich nicht zuständig.

Mann/Frau gilt, aufgrund einer medizinischen Diagnose, automatisch als kriminell, selbst wenn rechtliche Unbescholtenheit vorliegt. Es gilt für Betroffene keine Unschuldsvermutung, keine würdevolle Behandlung und kein Recht auf Privatsphäre.

Ihr wisst von wem ich spreche? Abhängige, Süchtige, aber nicht jene die nicht minder abhängig sind von Alkohol, Zigaretten, Glücksspiel. Auch nicht die Scharen von zugedröhnten Senioren die in Pflegeheimen beinahe flächendeckend substanzabhängig sind.

Ausschließlich jene die sich einst, voller Vertrauen dem staatlichen Substitutionsprogramm anvertrauten.

An dieser Rechtlosigkeit ändert sich auch niemals etwas, auch wenn man seit vielen Jahren stabil und nachweißlich korrekt und verlässlich ist. Freilich, wer „brav“ ist hat es schon manchmal etwas leichter, jedoch ohne Rechtsanspruch und immer angewiesen auf das „good will“ der Substitutionsärzte.

[…]

Während für manche Ärzte die Stabilität, Lebensqualität und ein menschenwürdiges Leben im Mittelpunkt steht, ist für andere einzig Abstinenz um jeden Preis das Ziel. Es ist sinnlos darauf hin zu weisen, dass oftmals ein, auch psychisches Überleben, ohne Medikation nicht möglich ist. Der Patient weiß nie auf welchen Typ Arzt er wohl bei seinem nächsten Termin treffen wird. Es gibt ja keine freie Wahl.

Manche mögen es nicht glauben, aber es gibt sie, die auch dank einiger Jahre relativ einheitlicher Drogenpolitik, stabil mit einer geringen Dosis von ein oder zwei, eventl. suchtrelevanter Medikamente, ein unbescholtenes, friedfertiges Leben führen. Die Zeit der Exzesse ist längst vorüber. Man/Frau ist ruhig geworden und will nur irgendwie mit ihrer Erkrankung überleben.

Wenn jene sich ständig verändernden gestzl. Rahmenbedingungen gegenüber sehen, ist das einer Stabilisierung nicht gerade zuträglich. Oft werden Sie sogar gezwungen wieder in die Illegalität abzugleiten.

Ihr mögt uns noch immer pauschal als Schmarotzer, Kinderfresser und Verbrecher sehen. Ich aber sage zu den Verantwortlichen: „Schämt Euch!

Ihr habt uns fast alle Rechte genommen, in einen paranoiden bürokratischen Alptraum gejagt und ihr tut alles um uns in ein gesellschaftliches Ghetto zu drängen. Einerseits habt ihr uns als abnorm, krank und unmoralisch diffamiert und uns jegliche Fähigkeit abgesprochen ein Teil der Gesellschaft zu sein. Aber wehe wenn wir wirklich nicht mehr arbeitsfähig sind, werden wir der Täuschung und als Schmarotzer bezichtigt. Was wollt ihr?

Ist das ein Krieg der Substanzen? Eine alkoholvernebelte und von Gier geprägte Gesellschaft, gegen alle die auf etwas anderes abfahren!

Ich bitte euch inständig, ihr Asylanten, Arbeitslose, Invaliditätsrentner, Pensionisten und alle die sonst noch von Zeit zu Zeit zum Feindbild erklärt werden: Lasst nicht zu, dass man euch gegeneinander ausspielt. Ja, wir alle kosten die Gesellschaft etwas.

Wollten wir uns nicht einmal gegenseitig helfen? Sprachen wir nicht immer von Solidarität und Akzeptanz? Können wir uns das nicht mehr leisten, während wir Billionen in ein korruptes, wahnsinnig gewordenes Finanzsystem pumpen? Um, nein nicht z. Bsp. Griechenland zu retten, sondern Verluste von Megabanken und Börsenzockern auf die Allgemeinheit überzuwälzen.

Ich verstehe! Wirfst du genug Geld auf den Rouletttisch der Hochfinanz, dann nennt man das „Systemrelevant“

Ich bin zornig! Ich bin traurig! Ich bin angepisst! Ein überschaubarer Haufen von Krisen-Auslösern und –Gewinnlern hat in kurzer Zeit erreicht, dass wir uns gegenseitig zum Feind erklären. 99% der Weltbevölkerung werden von 1% in den Dreck getreten und viele von uns treten weiter nach unten.

Sehe ich auch jene die zusammenrücken und helfen, bin ich trotzdem nicht mehr optimistisch.

Ich bitte euch! Auch wir „Giftler, Süchtler“ usw. sind nicht euer Feind.

Möge mir die Weißheit zu Teil, nicht mehr unter euch Pharisäern und Heuchlern zu leiden und zu akzeptieren: „Alles Leben ist Leiden.“ (Sidharta Gaothama – Bhuda)

Abschliessend möchte ich betonen, dass sich meine Kritik, vor allem, an die gesetzgebenden Gremien und die gesamte Gesellschaft richtet. Die zuständigen Mediziner und Drogenüberwacher sind all zu oft selbst Opfer dieses Systems und sehen sich täglich politischem und gesellschaftlichem Druck ausgesetzt.

Diverse, einseitige Zeitungsartikel sollten zwar als Einzelmeinungen gesehen werden, verstärken aber natürlich auch den Druck auf jene Ärzte, die mit dieser Thematik betraut sind.

Es bleibt die Hoffnung, dass sich ein partnerschaftlicher Umgang, auch in der Drogenpolitik, umsetzen lässt. Dies zu erreichen bedarf natürlich auch mehr Verlässlichkeit und Paktfähigkeit von uns Betroffenen.

Andy (9.12.2012)