Nachruf auf Silvia Franke (1956 – 2026)
Pionierin, Therapeutin und ÖVDF- Ehrenmitglied
Silvia Franke hat am 9. Juni 2026 beschlossen, diese Welt zu verlassen - auf ihre eigene Weise: mutig und direkt, ohne Kompromisse, konsequent durchdacht und selbstbestimmt. Nach Jahren und Monaten voller kräftezehrender Operationen, gesundheitlicher Rückschläge und angesichts einer absehbar einschränkenden, später auf ausschließlich fremde Hilfe angewiesenen Perspektive hat sie ihrem Leiden durch assistierte Sterbehilfe ein Ende gesetzt. In der Gegenwart ihrer Angehörigen, guter Freunde und eines Arztes ging sie diesen letzten Schritt so, wie sie ihr ganzes Leben geführt hatte: autonom. Dieser Nachruf zeichnet den Weg einer Frau nach, die von der rauen Wiener Streetwork-Basis bis zur Gründung wegweisender Institutionen immer auch eines war: eine konsequente Freigeistin.
Um Silvia zu verstehen, ein Rückblick in das Wien der frühen 1980er-Jahre: die Kulisse des damals aussichtslos verrauchten und brechend vollen Cafés Phönixhof gegen elf Uhr nachts. Ich selbst steckte damals mitten im Studium, verdiente mein Geld als Nachttaxler und machte Pause für einen Kaffee. Es war aber kein Platz frei– bis auf einen einzigen an einem runden Tisch, an dem eher weniger konforme Typen saßen, laut. Junge Leute, Punks, Hardrocker, Tattoos, einige mit nächtlichen Sonnenbrillen und andere mit Silberblick von diversen Substanzen – „quer durch den Gemüsegarten“, wie man halt so sagt. Ich setzte mich dazu.
Mitten in diesem Chaos saß eine noch lautere junge Frau von etwa 25. Es war Silvia. Sie lachte, diskutierte, fragte und fuchtelte mit einem A4-Dienstbuch herum- einer Art Protokollbuch offenbar. Wodurch sie wahrscheinlich bezweckte, Ordnung in das Gewimmel zu bringen. Und als eine der jungen Frauen ihr auch noch geschickt das wieder weggelegte Buch wegnahm, geschah das offenbar nicht aus Respektlosigkeit, sondern aus Zuneigung. Herzerln und Blumerln wurden nun reingekritzelt. Kommentare ungefähr nach der Art: „Silvia, du bist echt eine Liebe. Silvia, wenn du nicht wärst.“ Auf meine Frage an einen der Typen, wer sie sei und warum sie sich das gefallen lässt, kam die lakonische Antwort: „Des is unsare Streetworkerin“. Ich wusste noch nicht, dass es Silvia war und so hab ich mir damals ihr Gesicht wohl eher zufällig gemerkt. Denn mein Eindruck war: die braucht keine künstliche Autorität. Die redet mit den Leuten mit Verständnis auf Augenhöhe und hat Einfühlungsvermögen.
Zeitsprung in die 1990er: Das System wurde umgebaut. Auch an Streetwork wurden Effizienzkriterien herangetragen, es sollte „neu aufgestellt“ werden. Ich kannte Silvia damals schon länger - berufliche Berührungspunkte. Würden jetzt auch „Zähne gezogen“? Aber Silvia, nicht nur eine leidenschaftliche Basisarbeiterin, klinkte sich in eine visionäre Strukturpolitik ein: gemeinsam mit der Stadt Wien baute sie ab 1995 die Informationsstelle für Suchtprävention (I.S.P.) auf, aus der das heutige Institut für Suchtprävention hervorging. Sie war nun auch eine „stehende Größe“ (um nicht zu sagen eine Legende) der Wiener Suchthilfe.
Aber Silvia machte andererseits nicht jeden Deal nur wegen betriebswirtschaftlicher Effizienzsteigerungen mit. Sie wusste: das kann auf die Menschen zurückfallen, denen wir helfen wollen. Sie war unbequem. Später dann passte es nicht mehr mit der damaligen Trägerorganisation. In dieser Zeit traf ich sie einmal– wiederum zufällig - im Aufzug zu unserer Einrichtung. Auf einmal Wut und dann sogar Tränen: einer dieser Betriebswirte dort hatte ihr doch glatt geantwortet, ihr Gehalt – beileibe nicht fürstlich - mal mit dem einer Billa-Kassiererin zu vergleichen. Ich habe sie damals von ihrer verzweifelten Seite kennen gelernt, kein Wunder. Aber mehr als sie bei einem Kaffee zu trösten, konnte ich nicht tun. Doch Silvia zog die richtige Konsequenz für eine Frau ihres Schlages: sie ging in die Selbständigkeit und machte sich unabhängig.
Ab 2001 baute sie ihre Praxis als Psychotherapeutin (Humanistische Therapie und Psychodrama) in Wien - Erdberg auf. Sie arbeitete bald darauf als Ausbildnerin, Seminarleiterin und Lehrbeauftragte. Und sie blieb auch als zivilgesellschaftliche Aktivistin laut – unter anderem im ÖVDF, im Verein SozAktiv, aber auch als Posterin im Forum einer Tageszeitung, wo sie - oft auch extrem scharfzüngig - gegen so manche gesundheits- und gesellschaftspolitischen Auswüchse anstritt. Sie hatte eben wirklich eine „psycho-dramatische Ader“.
In ihrer Praxis tat sie das, was sie am besten konnte: Sie half den Menschen, sich selbst zu helfen. Die Personen, die ich aus Silvias Praxis kennen lernen durfte, kamen aus dem Lob nicht heraus. Die meisten von ihnen führen heute ein stabiles Leben – Silvia hat ihnen vermittelt, an sich zu glauben. Weil zuerst sie es war, die an sie glaubte. „Die Franke“ war ein Begriff.
Wie ich spät entdeckt habe, war Silvia auch eine durchaus spirituelle Frau – was sie aber nie vor sich hergetragen hat. Es muss ihr aber einen besonderen Halt und die Energie gegeben haben, um sich so einzusetzen.
Würde man sie - als Ehrenmitglied nicht nur unseres Vereins - nun fragen, welche Lücke sie hinterlässt, würde sie wahrscheinlich bescheiden sagen „Keine! Solange ein paar andere nachkommen, die ihre Stimme erheben und ihre Zweifel nicht verbergen!“
Und sollte es wirklich eine „andere Welt“ geben – was sie glaubte – wird sie fremden Schicksalen nicht ausweichen, die Orientierung suchen. Und sie wird dort ziemlich genau weitermachen, womit sie hier im Diesseits aufgehört hat – mit offenem Herzen, Mitgefühl und auf Augenhöhe. Vielleicht amüsiert sie sich dann auch darüber, was hier unten manchmal so abgeht. Sofern sie sich es überhaupt ab und zu noch antun würde, dabei zuzuschauen…
Christian Tuma
